Material zu Werner Zimmermann

Vorträge/ Texte/ Zitate

Sinnvoll leben bei Wachstum Null. Audio

 

Thielle 1975

Zusammenfassung siehe unten

Rolando's Broschüren über Thielle findest du hier

Audio: Karma-Vortrag von Werner Zimmermann, 1965

 

Auf dem Bild Werner Zimmermann, Elsi und Edi Fankhauser

auf der Terrasse des Lichthauses. Zusammenfassung s. unten

Zusammenfassung des Karma-Vortrags

In diesem Vortrag, den er ca. 1965 in Thielle gehalten hat, zeigt sich erneut WZs spirituelle Orientierung. Er behandelt die Themen Reinkarnation, Karma, Furchtlosigkeit, Parapsychologie und viele andere. 

WZ umschreibt sein Thema am Anfang mit den Worten „Schicksalsfragen, Karma und Wiederverkörperung“. 

WZ betont, dass wir Menschen geistige Wesen sind, die weit über Raum und Zeit hinaus weisen. Wir sind unsterblich, nur der Leib ist sterblich. Daher betrifft uns der Tod nicht. WZ freut sich auf den Tod, denn der Tod ist Befreiung aus der Enge des Körpers. Als Seelen haben wir eine andere geistige Schau und viel grössere Bewegungsmöglichkeiten. Der Tod ist ein mächtiger Schritt in eine andere Daseinsform hinein. WZ hat es aber nicht eilig, es gefällt ihm zu leben, und er hat noch Aufgaben. Er möchte aber den Leib fit halten, will ihn zu einem tüchtigen, willigen und begeisterten Werkzeug machen. Er will vermeiden, dass der Leib dahinsiecht. Er zöge es vor, schnell zu sterben. 

Furchtlosigkeit gegenüber dem Tod erleichtert das Leben. Durch diese geistige Haltung können wir unsere Aufgaben besser lösen. 

Viele Menschen finden keinen Zugang zu den geistigen Wahrheiten, z.B. die Naturwissenschaftler, die nur an das Diesseits glauben. Gemäss Zimmermann gibt es aber ein Jenseits; wir können es nur normalerweise nicht wahrnehmen. 

Er erklärt dies mit folgenden Beispielen: 

Wir können bestimmte Klangwellen hören, andere aber nicht, die eine bestimmte Frequenz übersteigen und z.B. von Fledermäusen wahrgenommen werden können. Diese anderen sind genauso vorhanden wie die, die wir hören. Normalerweise ist das Jenseits für uns jenseits der Fähigkeit, es wahrzunehmen. Das Jenseits ist aber nicht hinter dem Mond oder der Milchstrasse. Es ist direkt um uns herum, aber wir nehmen es nicht wahr. 

Auch der nüchterne Verstand kann gemäss Zimmermann den anderen Wirklichkeiten näher kommen. Es gibt Tatsachen, die mit dem naturwissenschaftlichen Weltbild nicht erklärt werden können, die aber unbestreitbar und beweisbar sind. Die Wissenschaft baut auf Tatsachen. Aus diesen Tatsachen werden Hypothesen gebildet, die dann geprüft und weiter entwickelt werden. 

Es gibt keine allgemein gültige Wahrheit, denn die Interpretation der Wahrheit ist immer an die jeweilige geistige Entwicklungsstufe gebunden. Wenn ich mich geistig entwickle, werde ich morgen mehr sehen als heute. Wahrheit kann somit wachsen, sich entwickeln. 

Als Beispiel zitiert er Meister Eckhart: Nur Gott kann die volle Wahrheit sehen. Du kannst sie nur sehen, wenn du selber göttlich geworden bist. 

Es gibt eine ganze Reihe Tatsachen, die der üblichen Wissenschaft unangenehm sind, weil sie sie nicht erklären kann. Man nennt diese Wissenschaft die Parapsychologie. 

Haben wir den Mut, die Tatsachen anzuerkennen und notfalls unsere Theorien umzustellen? Hier zeigt sich der lebendige Mensch. Der lebendige Mensch ist fähig, seine Theorien umzustellen. 

Nun berichtet er von zwei Beispiele (auch zu finden in seinem Buch „Das Leben nach dem Tode“). Ich gebe hier das erste Beispiel wieder. 

Zwei Brüder in Havanna sind Kapitäne und lenken je ein Schiff. Ein Schiff mit Funkanlage, das andere hat keine solche Ausrüstung. Sie gehen mit ihren Mannschaften auf verschiedene Kurse. Auf dem gut ausge- rüsteten Schiff geht der erste Offizier in der Nacht ins Steuerhaus, um den Kurs zu prüfen. Dort sieht er einen Mann an der Seekarte stehen. Der Offizier erschrickt, weil er nicht weiss wer es ist. Er geht zurück, sagt einem Matrosen, er solle schauen. Der Matrose findet aber niemanden. Der Offizier geht wieder hinein und schaut auf die Karte. Dort sieht er ein rotes Kreuz bei einer bestimmten Insel eingezeichnet, dazu das Wort SAVE.. Er ruft den Kapitän, sie durchsuchen das Schiff, aber sie finden niemanden. Der Kapitän beschliesst hinzufahren. 

Sie kommen am Morgen an und finden das Schiff des Bruders, das gestrandet ist. Der Bruder ist bewusstlos. Sie retten die Besatzung, doch das Schiff ist verloren. Die Versicherung will nicht bezahlen. Die ganze Geschichte ist aufgezeichnet worden und kann nachgelesen werden. Die Versicherung vermutet Betrug: Der Bruder habe das Schiff absichtlich auflaufen lassen, um das Geld zu kassieren. Verschiedene Experten werden beigezogen.

 

Ein Psychologe erklärt die Sache folgendermassen: Der Bruder des beschädigten Schiffes habe in seiner Not seinen schlafenden Bruder per Gedankenübertragung informiert. Dieser ging dann, traumwandelnd, ins Steuerhaus, um die Stelle des Unfalls einzuzeichnen, und legte sich wieder schlafen. Als er vom Offizier geweckt wurde, wusste er nichts mehr davon. Die Versicherungsgesellschaft akzeptierte diese Interpretation, und das Geld wurde ausbezahlt. 

Zimmermann berichtet im folgenden, dass es ihm immer gut geht, und sagt: „Wenn’s mir schlecht geht, dann geht’s mir am besten. Wenn es mir schlecht geht, dann sagt das Schicksal: Jetzt kannst du eine neue Aufgabe verkraften. Kann ich daraus auch das Beste machen? Wenn ich jammere und klage, dann kann ich nichts lösen. Die geistige Haltung ist wichtig. Ich kann sie nur haben, wenn ich Zusammenhänge ahne.“ 

Er berichtet, dass er als Kind den Pfarrer fragte: Wie kann der allmächtige Gott zuschauen, wie sein geliebter Sohn ans Kreuz geschlagen wird? Als Antwort zitiert WZ Gandhi, den grossen Meister der Gewaltlosigkeit. Als dieser von einem hinduistischen Heckenschützen tödlich getroffen war, sagte er: Tut dem Mörder nichts zuleide. Jesus sagte sterbend am Kreuz: Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun. Diese Menschen sind noch im Tode ihren grössten Idealen treu geblieben und haben ihre letzte Prüfung bestanden. 

In einem weiteren Teil des Vortrags schildert WZ das Leinentuch von Turin und geht der Frage nach, ob Jesus vielleicht gar nicht gestorben sei. Er interpretiert die Erzählung von der Auferstehung als eine Aufforderung, dass wir alle einmal zu einer höheren Wirklichkeit auferstehen sollten. 

Zimmermann war in seiner Jugend eine Zeitland Atheist und Materialist, weil er die kirchlichen Dogmen nicht anerkennen wollte. 

Er ist sogar furchtlos im Angesicht eines möglichen Atomkriegs. Wenn man nicht sterben soll, wird man immer die Führung haben. Er versucht, jeden Tag das zu leben, was seiner Ansicht nach richtig sein könnte. Er will für eine bessere Welt arbeiten und hilfreich sein. Jede Saat bringt ihre Ernte. Er braucht wenig zum Essen, und Fasten ist sowieso gesund; es ist immer genügend da. Er zitiert die Bhagavadgita: Wirket ohne Unterlass, und kümmert euch nicht um die Ergebnisse. 

Das macht froh und zufrieden. „Ich sehe die Schönheit, die Wolken, den Himmel. Ich erlebe die Schönheit und freue mich. Das Leben ist einfach. Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen. Auch das schwerste Schicksal dient mir zum besten.“ 

Einleitung zur Broschüre "Werner Zimmermann, Pionier der Neuen Zeit", von Rolando

Mit 26 macht er sich als „Weltvagant“ auf den Weg aus der engen Schweiz in die weite Welt. Seinen Beruf als Lehrer hat er nach sechs Jahren hinter sich gelassen. In Amerika verdingt er sich als Farmarbeiter.

Er, der abstinente Asket mit den hohen Ideen, schliesst Freundschaft mit rauen Gesellen, spielt ihnen nachts in der Bar klassische Musik vor, dass ihnen die Tränen kommen, und weiss nicht recht, wo er hingehört.

 

Zurück in der Schweiz hält er Vorträge und schreibt seine Bücher „Weltvagant“ und „Lichtwärts“. Seine lichtvollen Ideen ziehen Kreise und begeistern. Er ist auf einem goldenen Weg, wie er selbst im Buch „Weltvagant“ sagt: „Ich weiss, dass mir alle Dinge zum besten dienen müssen, dass ich den goldenen Faden nie verlieren werde.“

 

Wahrhaftig, er ist seinem goldenen Faden gefolgt sein ganzes langes Leben lang! 

 

Wie ist Werner Zimmermann? Begeisterungsfähig, intelligent, visionär, willensstark, asketisch, freudig, unbeugsam, streng, weich, furchtlos, wissensdurstig, charismatisch, durchtrainiert, hager, humorvoll, ernst, liebes-sehnsüchtig, konsequent.

 

Sein jugendlicher Freund Edi Fankhauser will Zimmermanns Ideen in die Realität umsetzen und kauft schliesslich das Gelände „die neue zeit“. Die Zusammenarbeit mit Edi und Elsi und der Aufbau dieses Geländes wird ein Lebensthema.

Er liebt es, Berge zu besteigen, hohe Berge: Den Mount Shasta in Kalifornien, wo ihm ein Berglöwe begegnet, den Popocatépetl in Mexiko,  den Fuji-Yama in einer mystischen Ritual-Handlung in der Nacht bei stürmischem Wetter.

 

WZ hat drei Leben gleichzeitig gelebt mit all seinen Weltreisen und unaufhörlichen Aktivitäten. Es ist nicht möglich, all dies auf 80 Seiten zusammenzufassen. Daher will diese Broschüre nicht mehr als eine Skizze sein, die zu weiterer Lektüre anregt.

 

Was sind seine zentralen Themen?

 

- Die Mystik, also die Vereinigung mit Gott, der göttliche Mensch, der edle Mensch.

- Die Freiwirtschaft, d.h. die Befreiung der Gesellschaft mit wirtschaftlichen Mitteln.

- Die Lebensreform, also die Nacktheit, der Verzicht auf Genuss- und Rauschmittel, die Fragen der Liebe und die dazugehörende Philosophie.

- Die Mit-Begründung des Geländes „die neue zeit“ am Neuenburger See in der Schweiz.

- Der Kampf gegen die Atomkraft.

 

Im Ganzen: Die Philosophie und Verwirklichung einer neuen Zeit der Freiheit und Liebe.

 

WZ war gleichzeitig ein suchender und ein findender Mensch. Er hatte eine innere Sicherheit und ein Sendungsbewusstsein, die ihn durchs Leben führten. Gleichzeitig hörte er nie auf zu suchen und für seine Überzeugungen zu kämpfen.

 

Er hat mit sich gerungen und wurde zum Vorbild für eine ganze Generation. In seinem Hauptwerk „ICH BIN“ zeigt er, dass er so ziemlich alle relevanten philosophischen und theologischen Quellen gelesen hat; er erschliesst sogar neue Quellen, indem er z.B. bisher unbekannte Versionen des neuen Testaments aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt. Auf seinen grossen Reisen verbindet er sich intensiv mit andersartigen Kulturen. Gandhi, den er persönlich kannte, ist sein grosses Vorbild. Er ist radikal ehrlich, manchmal fast nicht zum Aushalten…

Seine Reisen und Vorträge in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg haben mich als Deutschen besonders bewegt und beeindruckt. 

 

Werner Zimmermanns kosmopolitische, mystische und freiheitsliebende Weltsicht wirkt heute noch nach und inspiriert uns immer wieder neu.

Interview mit Christine Fankhauser 

Im Oktober 2010 besuchte ich Christine Fankhauser, um von ihr etwas über die Thieller Vergangenheit zu erfahren. 

Christine war ab dem Jahr 1955 mit dabei, hat also die Gründerzeit des Geländes ab 1930 nicht miterlebt. Dennoch war sie mitten im Geschehen und kann sich an vieles erinnern. 

Roland: Erzähle mir ein wenig aus der Anfangszeit.

 

Christine: Werner Zimmermann war der geistige Vater des Geländes. Edi Fankhauser hatte bereits als Jugendlicher seine Vorträge gehört. Diese haben ihn dermassen begeistert und mitgerissen, dass er sich vornahm, eines Tages dies alles in die Tat umzusetzen. Er wollte ein Refugium schaf- fen, in dem die Ideen von Werner gelebt werden konnten. 

Ein erstes Gelände entstand 1930 in Mörigen. 

1936 fand Edi das Land in Thielle, doch er musste ein viel grösseres Gelände kaufen als ursprünglich geplant: Das ganze Land einschliesslich des Rothauses, bis zur alten Zihl. In Mörigen war es schwierig mit den Behörden.

 

Ein Prozess ging zwar zu Edis Gunsten aus, und so bekamen sie schliesslich auch eine Baubewilligung. Unterdessen hatte Edi (bzw. ein Strohmann) aber schon die Rothaus-Liegenschaft gekauft. Er war der Praktiker, der die Dinge umsetzte und auch die finanziellen Voraussetzungen schuf. In Elsi hatte er inzwischen eine gleichgesinnte Partnerin gefunden. 

Jedes Jahr ab 1938 kam Zimmermann für mindestens eine Woche für Vorträge und Kurse, meistens Ende Juli/Anfang August, wenn er nicht gerade auf Reisen war. Diese Woche war der Ursprung des Sommer- programms, das später ausgebaut wurde mit weiteren Veranstaltungen, z.B. des Kissinger Kreises, und das schliesslich seinen heutigen Umfang er- reicht hat. 

WZ war bekannt durch seine vielen Bücher, Reisen und Vorträge. Er war in Deutschland fast berühmter als in der Schweiz und hat z.B. in Berlin Vorträge vor 1000 Menschen gehalten. Er war nie vermögend und hat keine hohen Honorare bekommen. 

Es gibt sechs Vorträge von ihm auf Kassette. Ich hatte viel Material bei mir und habe dieses Archiv der Stiftung übergeben, es ist jetzt auf dem Gelände. Ich hoffe, dass es gut verwahrt und ausgewertet wird. Es handelt sich um Filme, Tonmaterial, Fotos, Bücher und sämtliche Ausgaben der Zeitschrift „Die Neue Zeit“. Es gibt mehrere gute Filme über all die Aktivitäten auf dem Gelände aus jener Zeit: Waldlauf, Singen, Volkstanz, Ilse, Lotti Stürm, Vortrag von Zimmermann, Kinder toben auf dem Floss. Man sieht u.a. Elsi oben auf der Terrasse zwischen Kletterrosen sowie am Empfangstisch. Jede Rechnung wurde von Hand geschrieben. 

Roland: Wie stand es denn mit den Frauen und Werner Zimmermann? Ich habe nur wenig darüber gefunden. Er sagt 1946, dass er immer noch Junggeselle ist und dass es wohl auch so bleiben wird. 

Christine: Ich habe ihn damals noch nicht gekannt, aber ich denke, dass er die freie Liebe auch praktisch gelebt hat. Er hat immer wieder Freundinnen gehabt, aber er hat sie meines Wissens nie aufs Gelände geholt.

 

Schliesslich hat ihn seine langjährige Haushälterin Evi dazu gebracht, seinen Vorsätzen untreu zu werden, so dass er, kurz bevor er 70 wurde, geheiratet hat und an seinem 70. Geburtstag seinen Sohn Konrad gezeugt hat. Das war alles ganz bewusst und geplant. Evi war viel jünger. Konrad hat seine Mutter noch bis vor wenigen Jahren bis zu ihrem Tod gepflegt und lebt jetzt im Haus seiner Eltern am Brienzer See. Er hat einen Teil des Nachlasses und fühlt sich dafür verantwortlich. 

Roland: Wie war die Atmosphäre auf dem Gelände in den 50er und 60er-Jahren? 

Christine: Es ging sehr familiär zu. Elsi Fankhauser war dominant und tatkräftig. Sie konnte gut mit Menschen umgehen, war aber nicht begabt in Sachen Organisation oder in praktischen Dingen. Edi hielt sich mehr im Hintergrund in Bezug auf den Kontakt mit den Menschen. Zu jener Zeit blühte das Gelände und wurde auch wirtschaftlich vom Verlag unabhängig, wenn auch manche Konflikte entstanden und ziemlich chaotische Strukturen - oder Nicht-Strukturen – herrschten. Elsi war beliebt, weil sie oft sehr grosszügig war. Ihren Mitarbeitern gegenüber allerdings war sie oft ungerecht und gar nicht generös, so dass es eine ständige Fluktuation gab. 

Unter der Woche habe ich am Vormittag oft ONS gemacht und am Nachmittag Verlagsarbeit, zwischendurch wurde ich in die Küche ge- schickt, am Sonntag wurde der Empfang gemacht. Es konnte passieren, dass ich dem Herrn Doktor B. eine Rechnung für seine Ferien geschrieben hatte – da kam Elsi und rief: „Du kannst doch der Familie B. nicht Rechnung stellen! Sie haben doch auch mitgeholfen!“ Ich stand dann ein wenig dumm da vor den Leuten. 

Ich könnte einen Roman darüber schreiben, was ich da alles erlebt habe! Das wäre eine Kriminalkomödie! Den Titel hätte ich schon: „Paradies mit Hindernissen“. 

Es herrschten sehr primitive Zustände: Es gab noch kein Trinkwasser auf dem Gelände, nur rostiges Grundwasser für die Toiletten. Wir mussten das Trinkwasser täglich mit dem Velo-Anhänger in 50-Liter-Kannen vom Rothaus holen. Die Wäsche und auch die Leintücher der Gäste wurden auf den Stufen zum See und auf dem Floss gewaschen. Es gab Aufgaben in der Küche, im Büro, bei der Verpackung der Bücher und Zeitschriften sowie Aussenarbeiten, und meistens musste der begabte Büromensch Karotten rüsten oder die Köchin Wäsche waschen. 

Ich wollte in diesem Durcheinander meine Fähigkeiten zur Verfügung stellen und Ordnung hineinbringen, was allerdings von Elsi nicht immer geschätzt wurde. Edi Fankhauser und WZ anerkannten meinen Einsatz. Trotzdem hat Elsi mich vom Gelände verwiesen. Das hat aber nicht verhindert, sondern es hat eher begünstigt, dass Edi und ich zusammen arbeiteten und uns auch persönlich näher kamen. 

Das Gelände war ein wunderbares Werk, und ich war sehr motiviert, bei der Entwicklung mitzuhelfen. Alles war eine Einheit: Das Verlags-Büro, die ONS, das Gelände. Man könnte auch sagen, es war ein einheitliches Chaos. 

In organisatorischen Fragen war ich nicht mit allem einverstanden und ging manchmal in die Opposition. Werner hat versucht, schriftlich und persönlich zu vermitteln, aber es gelang nicht so recht. 

Es ging so drunter und drüber, dass einige Jahre keine „Neue Zeit“ er- scheinen konnte, weil niemand die Redaktionsarbeit machen wollte oder konnte. Ich habe dann ca. 1956 nach einer Pause mit Edi zusammen wieder die erste Nummer herausgebracht. 

Schliesslich entstand eine engere Beziehung zwischen mir und Edi, der seine beste Mitarbeiterin nicht verlieren wollte. 

Als es gar nicht mehr ging mit der Zusammenarbeit und Edi sein Lebenswerk gefährdet sah, hat er schliesslich die Scheidung eingereicht. Das dauerte etwa 3 Jahre, und während dieser Zeit haben wir hier unser Haus in der Nähe des Rothauses gebaut. Elsi willigte schliesslich ein, weil sie nicht anders konnte. Sie machte zur Bedingung, dass eine Stiftung gegründet würde, mit Edi, Werner und Elsi als Gründungsmitgliedern. Das war im Jahr 1961 und ganz in meinem Sinne. Vier Wochen nach der Gründung konnten wir dann heiraten. 

Im Sommer ging Edi jeweils aufs Gelände, um zu helfen. 

Es ist viel improvisiert worden, und trotzdem hatten das Gelände und unser Lebensstil eine grosse Anziehungskraft. Irgendwie hat es immer wieder funktioniert. 

Nach Elsi’s Tod im Jahr 1993 stand man vor schwierigen Tatsachen. Christian Grünig übernahm die Leitung, und das war gut so. Er zeigte sehr grosses Engagement und viel Durchhaltevermögen. Er hat den grössten Verdienst, er hat den Karren aus dem Dreck gezogen. Er brachte die Finanzen in Ordnung, und auch in Sachen Infrastruktur gab es grossen Nachholbedarf. Man kann sein Engagement nicht hoch genug einschätzen. 

Roland: Zu jener Zeit war ich häufig hier, das war eine gute Zeit; man hat die Herzenskräfte gespürt. 

Christine: Er und seine Frau Margot waren wirklich mit dem Herzen dabei; er wollte das Lebenswerk von Elsi, Edi und Werner retten und wieder auf ein gutes Gleis bringen. Ohne Christian und die Stiftung wäre das Ganze wohl untergegangen. 

Roland: Bist du inzwischen versöhnt mit all diesen Geschichten? Gehst du gerne aufs Gelände? 

Christine: Ja, das bin ich. Ich bin immer gerne aufs Gelände gegangen. 

Roland: War Werner Zimmermann Teil einer Bewegung, oder war er eine Einzel-Erscheinung? Es gab die Wandervogel-Bewegung, es gab den Monte Verità... 

Christine: Eigentlich gab es ausserhalb der ONS keine weitere gesellschaftliche Bewegung. Werner hat seine Thesen vorwiegend hier auf dem Gelände verkündet. 

Roland: Aber er war doch überall unterwegs mit seinen Vorträgen – in Deutschland und auf der ganzen Welt! 

Christine: Trotzdem gab es keine Bewegung im eigentlichen Sinn. Natürlich hat er mit dem Monte Verità Kontakt gehabt und hat ihn auch besucht. Er hat überall „Fans“ gehabt, wie eben auch in Berlin. 

Roland: Er war also der Gründer und Inspirator der Naturisten- Bewegung in der Schweiz. 

Christine: Er hat sich immer wieder anregen lassen von neuen Erkenntnissen in verschiedenen Themenfeldern. Er hat sie sich angeeignet und dann in seine Philosophie integriert. Bald entstand dann wieder ein neues Buch oder eine neue Broschüre daraus. 

Roland: Ich staune über die hohen Auflagen der Bücher: 50000 oder 60000, das ist sehr eindrucksvoll. 

Christine: Der Drei-Eichen-Verlag in München war sehr aktiv und hilfreich. Werner war mit dem Verleger, Hermann Kissener, befreundet, den ich auch gut kannte. Wir arbeiteten zusammen. Kissener vertrieb die Bücher in Deutschland, und wir taten dasselbe in der Schweiz. 

Roland: Was ist in deinen Augen der Kern der Philosophie von Werner Zimmermann? 

Christine: Pazifistische, liberale Lebensführung war ihm wichtig. WZ war stark geprägt von Mahatma Gandhi, den er in den 40er Jahren als Übersetzer auf seiner Vortragsreise durch die Schweiz begleitete. Der Pazifismus war im weiteren Sinn gemeint, auch den Tieren und der Natur gegenüber. Er war liberal in jeder Hinsicht, und sehr menschenfreundlich – sei es in der freien Liebe oder in der Politik. Er war sehr offen für alle neuen Strömungen. Die Freiwirtschaft nach Silvio Gesell war ebenso ein wichtiges Thema wie z.B. die Kernernergie. Er hatte sehr viele ver- schiedene Anliegen. Er hat auch seine Überzeugungen verändert und neuen Erkenntnisse angepasst, z.B. in der Ernährung. Er hat viel experimentiert. 

Roland: Mich spricht sehr die freudige Energie an, die ich in „Lichtwärts“ finde. Zum Beispiel die Idee des sonnigen Menschen, des Gottmenschen. 

Christine: Diese Kern-Ideen sind alle in „Lichtwärts“ zu finden. Er hat einen Baum gepflanzt, den man jetzt hegen und pflegen sollte. Eines Tages kann man dann vielleicht die Früchte ernten. 

Roland: Ich wundere mich ein bisschen, warum diese Themen hier in Thielle und natürlich auch in der Öffentlichkeit so wenig diskutiert werden. Ich habe in den 25 Jahren, die ich hier bin, selten etwas über Zimmermann gehört. 

Christine: Es sind neue Leute mit anderen Interessen gekommen. Mit der Zeit geraten die alten Vorbilder in Vergessenheit. Es gibt neue Strömungen, neue Themen. 

Roland: Immerhin sind der Naturismus mit dem Alkohol-, Fleisch- und Nikotin-Verbot dank der Stiftung geblieben. 

Christine: In der Anfangszeit hatte ich das Sommer-Programm organisiert, da wurde viel improvisiert. Später übernahm Hans Mäder die Aufgabe und danach Walter Haefeli; die beiden hatten ihr je eigenes Konzept, und so wechselte eben der thematische Fokus auf dem Gelände. 

Nach Christian Grünigs Zeit entstanden Verwirrungen, auf die ich nicht näher eingehen will. Erst jetzt, nach der Wende im Jahr 2008, erlebt Thielle eine neue Blüte, wenn es auch manchmal Schwierigkeiten zu überwinden gibt. 

In 10 Jahren sind die Mitgliederzahlen um 20 % geschrumpft! Das macht mir Sorgen. Es wird zu wenig von unserem Gedankengut nach aussen getragen. Die Stiftung und die ONS machen praktisch keine PR. Offenbar ist niemand so recht motiviert. Edi hat immer viel Pressearbeit gemacht. Er hat z.B. nach jeder Pfingstversammlung eine Medienmitteilung herausgegeben. Wir haben manchmal einen ganz banalen Beschluss gefasst, um wieder einen Aufhänger für die Presse zu haben, um uns ins Gespräch zu bringen. Dadurch sind neue Interessenten dazu gestossen. An jeder Natura-Ausstellung haben wir Flyer verteilt. An der Expo in Lausanne hatten wir einen schönen Stand. Ich war selbst dort, wir haben die „Neue Zeit“ gratis verteilt, und das gab einen grossen Aufschwung mit ca. 1000 neuen Mitgliedern in kurzer Zeit. Wir hatten damals 12000 Mitglieder in der ONS. Heute sind es noch 4200... 

Roland: Gibt es ein Komitee für die geistigen, philosophischen Fragen? Christine: Vielleicht gibt es das, aber ich sehe keine Aktivitäten. Es 

wird höchste Zeit, dass da etwas geschieht. 

(Gemäss der Thieller Webseite fühlt sich der gesamte Stiftungsrat für die ideellen Fragen verantwortlich.) 

Roland: Was ist deine Botschaft an das Gelände? 

Christine: Es ist Zeit für einen Quantensprung! Thielle sollte jetzt die Gründungsimpulse neu aufgreifen, transformieren und mit Leben erfüllen. 

„Die neue Zeit“ ist nach wie vor eine kräftige Keimzelle, die nur darauf wartet, in die Breite zu wirken. 

Liebet eure Feinde

 

Aufbau, Erlebnisse und Vorträge in Deutschland 1946/47

Fankhauser Verlag 1948

 

Dieses Buch hat mich bisher am meisten berührt. WZ schildert seine Reisen und Vorträge im Nachkriegsdeutschland. Er musste zahlreiche bürokratische Hindernisse überwinden, musste sich vorbereiten wie auf eine Urwaldreise.

Seine edle Gesinnung führt ihn dazu, die guten Seiten der Deutschen hervorzuheben, und auch auf die schlechten Seiten der Gegner hinzuweisen.

Er berichtet davon, wie er in Dänemark auf deutsch eine Fahrkarte für die Fähre wollte, aber barsch abgewiesen wurde. Erst als er zu erkennen gibt, dass er aus der Schweiz sei, gibt es plötzlich Fahrkarten. Er bewertet dies (und andere solche Vorkommnisse) als eine Art umgekehrten Rassismus.

In der ganzen Aufregung und Irritation der Nachkriegsjahre erscheint WZ als ein neutraler und wohlmeinender Kommentator. Seine Vorträge sind sehr gefragt, da er den Menschen  Mut gibt.

Auf dem Hohentwiel ist ein durch das französische Militär abgezäuntes Gelände; dort soll er einen Vortrag halten. Aber es sind nur Menschen mit vorher abgestempeltem Pass zugelassen, und das sind nur einige Dutzend. Noch etwa 1000 Menschen warten vergeblich auf Einlass.

WZ wartet im Inneren des Geländes mit den wenigen und nimmt wahr, wie allmählich aus den Gebüschen immer mehr Menschen sich hereinschleichen. Sie haben die Lücken in den Zäunen gefunden, und am Schluss sind es tatsächlich gegen 1000.

WZ hält seinen Vortrag barfuss. Hinter ihm steht der französische Offizier. Trotzdem nimmt unser Held kein Blatt vor den Mund und äussert frei, was er von den Besatzungsmächten hält. Er wird nicht behindert.

Der Barfuss-Prediger im Angesicht der Militärmacht; ein köstliches Bild.

 

Eine der dichtesten Stellen: WZ wird gefragt, ob er in einem Internierungslager für ehemalige SS-Leute sprechen kann. Er verweigert zunächst, traut es sich nicht zu. Schliesslich wagt er es doch und steht einer schweigenden Wand der Ablehnung gegenüber. Schliesslich bricht das Eis (Beispiel mit dem Hund), und es wird ein grosser Erfolg.

 

Seine Grundüberzeugung:

Deutschland hat der Welt viel gegeben in seiner Kunst, Philosophie, Musik usw. Es hat eine geistige Berufung. Diese Berufung kann selbst durch die Hitler-Zeit nicht zerstört werden. Vielmehr ist die Katastrophe sogar eine besondere Chance, zum Kern und zur eigentlichen Bestimmung zu finden.

 

Es gibt auch ein spannendes Kapitel über die Schweiz, in dem er seine Hochinterpretation der Schweiz bringt, das weisse Kreuz im roten Feld als Friedenszeichen auslegt, und vieles mehr.

 

Stichworte:

 

Bezug zu Schiller/Tell 6/ Urwald Deutschland 10/ Hohentwiel 20/ Geschichtliches bis Stalingrad 39/ Geistige Wahrheit jenseits des Geldes 62/ Die Schweiz hat das letzte Wort 62/ Freiwirtschaft 85/ Sozial-Ordnung 88/ Freiwirtschaft und trotzdem Wichtigkeit der persönlichen Entwicklung 125, 126/ Gandhi 134/ Mutterlohn 142/ Vortrag vor SS-Leuten 160/ Goethe-Gedicht „Feiger Gedanken“ 163/ Freiwirtschaft einfach 194/ Deutschlands hohe Berufung 202/ Aufruf für neue Lösungen 203/ Freiheit, Gleichheit Brüderlichkeit nach Steiner 204/ Unrecht des Zinses 206/ General McArthur: Aufbau in Japan 210 ff/ Obara 212/

Zitate

 

Zuteilung von Lebensmitteln bekomme ich keine und will ich auch keine. Schwer bepackt reise ich ein, mit leerem Rucksack wieder aus. Viele Monate vorher gehen Liebesgaben an alle Freunde, bei denen ich voraussichtlich wohnen werde. Hartes Lager ist mir Bedürfnis, den warmen Schlafsack trage ich immer mit. Reisen nach Deutschland wollen vorbereitet sein wie Vorstösse in Urwald und Wildnis. 10

 

Vortrag in Hohentwiel:

 

Immer wieder fliegen die Blicke der Deutschen und der Schweizer ängstlich über mich hinweg, zum Gesicht des Mächtigen hinter mir - doch ungehindert lässt er mich alles sagen, der ich barfuss auf der mütterlichen Erde stehe, das Haupt frei zum Himmel erhoben. Mensch unter Menschen! Wie lächerlich und hilflos wirkt da die geballte Faust! Zaghaft sinkt sie nieder, und die Finger lockern sich, wie erlöst. Der Mann soll nachher erklärt haben, der Vortrag habe ihm grossen Eindruck gemacht.  21

 

Hitler war legal zur Macht gekommen, und alle Staaten der Erde anerkannten seine Regierung. Im Mai 1933 schloss der Vatikan ein Konkordat mit Hitler. Warum sollten da die Beamten, die Lehrer und manche gut gesinnten Menschen nicht mitmachen? Solches anfängliche Mittun ist begreiflich. Dazu kam später die bittere Notwendigkeit, mit seiner Familie, mit Frau und Kind irgendwie diese Jahre des Grauens zu überstehen. Das Gift des Erfolges aber, der bis in die ersten Kriegsjahre hinein, eigentlich bis Stalingrad mit unheimlicher Treffsicherheit alle Verheissungen des „grossen Führers“ zu erfüllen schien, konnte auf durchschnittliche Bürger überwältigend wirken. Hiess es nicht im Evangelium, man erkenne die Güte eines Baumes an seinen Früchten? Lag da nicht der Segen Gottes offensichtlich auf allem Tun dieses Mannes und rechtfertigte es?  39

Weitere Zitate aus dem Buch

 

Was hat denn die Schweiz besonders mit Gott zu tun? Kennt ihr die Fahne, ihr Wappen? Das weisse Kreuz im roten Feld? Und ihr rotes Schwesterkreuz im weissen Feld? Das Kreuz Christi, weiss, rein, geistig im roten Feld des Blutes, des Stoffes, der irdischen Welt? Soll dies nur ein Zufall sein? Ist es nicht vielmehr nur Ausdruck inneren Wesens und Wollens?  63

 

Gesell: Die natürliche Wirtschaftsordnung wird darum auf dem Eigennutz aufgebaut sein 81

 

Was ist somit das erste: Die Änderung der sozialen Verhältnisse? Nein! Das erste sind Menschen, die eine solche Änderung fertig bringen! Immer ist der Schöpfer da vor seinem Werke! Immer beginnt die Wandlung innen und wirkt sich aus nach aussen!…

Zuerst kommt somit nicht die Durchführung der Freiwirtschaft oder sonst einer neuen Lösung, sondern die Bildung einzelner mitreissender Persönlichkeiten und ihr Zusammenschluss in Gemeinschaften geistigen Kampfes. 126

 

Goethe: ...Allen Gewalten zum Trutz dich erhalten,

Nimmer sich beugen, kräftig sich zeigen,

Rufet die Arme der Götter herbei! 163

 

Also im Geldwesen bedarf es einer staatlichen Ordnung. Beim Boden gilt das gleich. Man kann nicht sagen, da soll sich jeder einfach Land nehmen, sonst sind wir sofort alles Land los und haben den Krieg aller gegen alle. Es bedarf einer ordnungsgemässen Verteilung des Bodens...Das sind die beiden Pfeiler, auf denen die Ordnung einer Wirtschaft ruhen muss: ein Geld, das eine feste Kaufkraft und einen dienenden Charakter hat, und ein soziales Bodenrecht, das jedem den Zugang zum Boden öffnet….Sozialisierung der Grundrente, die an die Mütter des Landes ausgezahlt wird, damit sie sich endlich ihren Kindern und deren Erziehung widmen können und Zeit haben für ihre wahrhaften Aufgaben. 194

 

Wenn Deutschland heute derart am Boden liegt, einen derart tiefen Fall getan hat, wisst ihr woher das kommt? Weil das deutsche Volk eine besonders hohe Berufung hat...202

 

Wer nach seinem Gewissen seine Kräfte einsetzt, ist dadurch ein gewandelter Mensch. Er trägt den Kopf anders, er atmet freier, er wird gesünder, er hat wieder einen Inhalt in seinem Leben. Sogar das Wenige, das er noch zu essen bekommt, verdaut er besser, als wenn er keine Lebensaufgabe und nichts vor sich sieht.  203

 

Die Vielen erarbeiten für alle die Güter der Erde, und die Wenigen, die Gewaltigen des zinstragenden Reichtums, schöpfen dauernd für sich den Rahm von dieser Milch, sehr oft ohne eigene Arbeitsleistung. Die Wenigen verkommen durch Schmarotzerei, durch unverdiente Üppigkeit, die Vielen durch Arbeitsüberlastung und ebenso unverdienten Mangel. 207

 

Zitat Obara 1947: Zum Glück ist meine Schule im Kriege nicht verbrannt. Im April 1947 wird sie zur Universität. Von allen grossen früheren Schulen blieb nur die meine übrig, wegen ihres neuen, fortschrittlichen Geistes. Sie ist nun der Mittelpunkt der neuen Japanischen Erziehung.  213

Sinnvoll leben bei Wachstum Null. Audio

Gedächtnisprotokoll (Ausschnitte)

1. Grenzen des Wachstums

 

Am Anfang zieht WZ die Pflanzenwelt als Vergleich heran. Bäume wachsen nicht in den Himmel. Sie hören irgendwann auf zu wachsen - auch die riesigen Sequoia-Tannen in Kalifornien, die bis zu 100 m hoch werden.

Auch der Mensch hört auf zu wachsen mit ca. 20 Jahren, und das ist ein grosses Glück. Warum sollte also die Wirtschaft immer mehr wachsen? Was sollte das für einen Sinn haben?

 

Das Bevölkerungswachstum ist ein besonders drastisches Beispiel, vor allem in der dritten Welt. Bangla Desh hat 70 Millionen Einwohner auf einer Fläche, die dreimal grösser ist als die Schweiz. Dort gibt es eine Zunahme der Bevölkerung um ca. 3 % pro Jahr. Wo soll das hinführen?

 

WZ weist nach, dass es auch in der Wirtschaft Grenzen des Wachstums gibt. Während der Wirtschaftskrise in den 70er Jahren ist das Wachstum teilweise sogar zurück gegangen.

 

Er stellt die These auf, dass in der Zukunft das Wachstum bewusst gebremst werden soll, damit eine gesunde Entwicklung möglich wird.

 

2.Kampf gegen die Atomkraft

 

Am Schluss der ersten Hälfte des Bandes berichtet WZ von seinen Aktionen. An verschiedenen Orten der Schweiz sollen Atomkraftwerke gebaut werden: Kaiseraugst, Mühleberg usw.

WZ hört, dass in Mühleberg bereits gebaut wird, und begibt sich spontan dorthin. Er triff verantwortliche Mitarbeiter der BKW und fragt sie u.a.:

 

-Und kommen denn da aus diesem hohen Schornstein, der geplant ist, radioaktive Substanzen heraus?

-Das Aare-Wasser, das zur Kühlung verwendet wird, wird sich um ca. 10 Grad erwärmen. Wie ist das denn im Winter, wenn sehr wenig Wasser in der Aare ist?

 

Er bringt die Verantwortlichen in Verlegenheit und informiert sich in der Folge gründlicher über die Hintergründe der Atomkraft. Seine Zusammenfassung schickt er an Bundesräte und Nationalräte und auch an die BKW.

 

Einige Wochen später erhält er einen Anruf der BKW. Es wird ihm vorgeworfen, dass vieles in seinem Bericht falsch sei. Er vereinbart daraufhin ein Treffen mit einigen Verantwortlichen der BKW im Schweizerhof in Bern.

Es wird ihm nicht gestattet, Begleiter mitzubringen, daher kommt er allein zu einem Gespräch mit fünf Vertretern der BKW. Sie können ihm praktisch keine Fehler in seinem Text nachweisen. Daraufhin schreibt er erneut ein Protokoll über dieses Treffen, das er wiederum verschickt.

 

Nun wird die Presse aufmerksam, und WZ wird zu einem der bekannteren Atomkraft-Gegner.

In dieser Zeit werden Protest-Aktionen auf den Baustellen organisiert, mit Zelt-Dörfern und gewaltlosem Widerstand. Die Bevölkerung des Umlands solidarisiert sich mit den Protestierenden; die Bauern bringen ihnen Nahrungsmittel, usw.

Diese Proteste finden z.T. auch im Winter statt und erfordern einen beträchtlichen Durchhaltewillen der Beteiligten.

 

Im letzten Teil des Bandes äussert sich WZ ziemlich pessimistisch über die Weltlage und über die wirtschaftlichen Aussichten:

 

„Von allen diesen Seiten her ist es für mich eine Illusion, anzunehmen, dass wir rechtzeitig die Menschheit retten können, das muss ich offen sagen. Aber das hat nun an sich für mich gar nichts zu bedeuten, weil ich weiss, dass wir Menschen geistige Wesen sind. Und als geistige Wesen sind wir auf Erden nur auf einer Durchgangs-Stufe. Mit der Geburt kommen wir her, mit dem Tode gehen wir. Geburt und Tod betreffen nur den Körper, nicht uns als geistige Wesen. Was ist von da aus gesehen der Sinn des Erdenlebens? Wozu sind wir Menschen da?…“

 

Danach geht WZ auf die Pflicht des Menschen auf der Erde ein. Er sagt, dass wir einerseits nichts Materielles mitnehmen können nach dem Tod, dass wir aber dennoch unsere geistige Erbschaft mitnehmen. Für ihn ist das Leben auf der Erde wie eine Schule, die wir durchlaufen.

 

 

Er schliesst den Vortrag mit den Worten:

 

„Dadurch bin ich völlig unabhängig davon, ob ich scheinbar äusseren Erfolg habe. Das ist mir ganz gleichgültig.“

 

……………….

 

1:30 Minuten: WZ ist gelassen in Anbetracht der Reinkarnation. Das irdische Gerümpel bleibt da. Wir nehmen alles mit, was wir geworden sind. Es geht nichts verloren.

Werner Zimmermann – eine Skizze  (R. Schutzbach)

Werner Zimmermann (geb. 1893 in Lyss, gest. 1982 in Ringgenberg) war ein begeisterter und begeisternder Mensch. Seine Werke atmen Positivität, Hingabe und Kompetenz. 

Als junger Mann ist er voller Enthusiasmus und Wagemut: Nach sechs Jahren als Lehrer an der Schule in Lauterbrunnen verabschiedet er sich lächelnd, um als Wanderarbeiter die Welt zu erkunden. Nach dem Reisebuch „Weltvagant“ schreibt er, mit 28 Jahren, sein pädagogisches Werk „Lichtwärts“ (1921). Er schneidet alte Zöpfe radikal ab: Man soll die Schule abschaffen, weil sie die Kinder verbiegt. In der neuen, lichtvollen „Freiland“-Gesellschaft ist sie nicht mehr nötig, weil die Eltern ihre Kinder selbst unterrichten, weil die aufgeweckten, intelligenten Jugendlichen sich ihr Wissen selbst erarbeiten. 

Sein schwungvoller, jugendlicher Stil macht Spass: 

Das Leben ist einfach herrlich! Ach, warum schwatzen und schreiben wir, anstatt einfach zu leben! Seid Täter des Wortes! 

Er steckt voller Lebensfreude, er tanzt den Tanz des Lebens, er schlägt Purzelbäume: 

Der Segen schüttet immer voller! Ich stehe vor Übermut auf dem Kopf und zapple mit den Beinen! 

Gleichzeitig ist er sehr ernst: Er sieht die Seelennot der Zeit und glaubt, helfen zu können: Im spirituellen, religiösen Sinn, durch die Freiwirtschaft Silvio Gesells, mit seinen lebensreformerischen Ideen. 

Seine Vision der Freilandfrau ist beeindruckend. Nach einem Zitat von Gesell (den er persönlich kannte) „sucht sich die Frau den Vater ihrer Kinder jeweils selbst“. Zimmermann ist sehr angetan von diesem Zitat. Er findet, dass eine Beziehung nur weiter bestehen soll, wenn wirklich lebendige Liebe in ihr herrscht. Alles andere ist ihm zu wenig, und man soll sich lieber trennen als eine langweilige oder öde Beziehung leben. 

Im Freiland bekommt jede Mutter eine Grundrente. Sie ist nicht mehr wirtschaftlich abhängig von ihrem Mann und entscheidet sich in voller Freiheit für die Liebe. 

Trotzdem ist für Zimmermann die Einehe das Ideal - nur nicht in der konventionellen Form. Er hält trotzdem nicht viel von Trauscheinen und Standesämtern, weil die Liebe selbst das göttliche Band ist. 

Er lernt 1930 Mahatma Gandhi kennen und begleitet ihn auf seinen Reisen in Europa. Er verehrt den Mahatma sehr, und doch bewahrt er sein Urteil. Beispielsweise denkt er als freier Europäer kritisch über das radikale Zölibats-Denken des Meisters. Warum ist sexuelle Enthaltsamkeit nötig, wenn die Liebe vollkommen ist? 

1937 wird das Naturistengelände Thielle von Zimmermann sowie Elsi und Edi Fankhauser gegründet. 

Wir finden ihn einige Jahre später auf einer Reise durch Amerika, Japan und Indien (s. Buch „Zu fernen Ufern“). 

In Indien, welches 1949, nach dem Tod Gandhis, erst seit kurzem unabhängig ist, hält er zahlreiche Vorträge über die Freiwirtschaft. Er besucht einen internationalen Friedenskongress, der von den Nachfolgern Gandhis und der indischen Regierung veranstaltet wird. Danach zieht er durchs Land, auf Einladung zahlreicher Universitäten und der Regierung. 

Er wird von prominenten Bank-Direktoren angehört und publiziert in Zeitungen. 

Zimmermann sieht eine Chance, dass im neu erstandenen Indien seine Ideen auf fruchtbaren Boden fallen, doch er erlebt Enttäuschungen, als die indische Regierung seine weiteren Vorschläge kaum in Betracht zieht. 

Gleichzeitig ist er erschöpft von der langen Reise und von den Herausforderungen Indiens - so erschöpft, dass er nach der Heimkehr an den Brienzer See erst einmal 6 Wochen Erholung nötig hat. 

Zimmermann hat einen Teil von „Lichtwärts“ in den Bündner Bergen geschrieben. Während er 14 - 18 Stunden pro Tag Lasten von 28 - 40 kg durch die Berge schleppt, schreibt er sein Buch! 

Und das nach einer Fastenperiode von 12 Tagen. Seit Wochen isst er nur getrocknete Rosinen und Feigen sowie Haselnüsse. 

"Die Arbeit leiste ich spielend. Ich schwitze nie, vertrage Hitze, Sturm und Kälte"

 

Also nicht nur ein freudiger und gescheiter, sondern auch ein sehr willensstarker und kräftiger Mensch. 

Ich betone hier besonders die philosophisch-spirituellen Aspekte: 

Zimmermann spricht vom „sonnigen Menschen“, vom „Gottmenschen“. Er „fordert das Höchste“. 

Als Visionär sieht er die nächste Stufe des menschlichen Bewusstseins. Er ist sich darüber klar, dass unsere Gedanken unsere Realität schaffen, und geht damit einig mit den modernsten Erkenntnissen der Quantenphysik. 

Der sonnige Mensch kennt keine Zweifel mehr, da er sich eins weiss mit Gott. Zimmermann selbst ist jenseits des Zweifels und geniesst ein gesundes Selbstvertrauen. 

In Bezug auf die Religion fordert er, dass der Einzelne seinen eigenen Glauben schaffen soll. Er ist inspiriert vom chinesischen Weisen Laotse und dem deutschen Mystiker Meister Eckhart, welcher bereits im 13. Jahr- hundert die Einheit des Menschen mit Gott sah. 

„Da wir eins mit Gott sind, brauchen wir keine Kirche,“ sagt Zimmermann. 

Für ihn ist Religion - im neuen Sinne - das eigentliche Zentrum des Menschseins. Er betrachtet alle bestehenden Religionen kritisch, da sie fast immer die Menschen manipulieren und in vorgespurte Bahnen drängen. Lieber keine Religion als so eine! 

Trotzdem ist ihm die Religion das Wesentliche und steht höher als wirtschaftliche Fragen. 

Das liest sich so: 

Die Erlösung ist da! Tot sind die Drachen Kirche und Materialismus! Ich - und du - und wir alle - wir sind seelenvolle Wesen, sind erlöst! Freue, freue dich!

 

Er sieht einerseits die Bedeutung der Wissenschaft und des materiellen Denkens. Aber er sagt, dass hier das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wurde, denn die Wissenschaft wird wiederum wie ein Götze verehrt. 

Das ist eben das Unwissenschaftliche unserer „Wissenschaft“, dass sie gewissen Tatsachen, die nicht ins materialistische Dogma passen,...geflissentlich ausweicht...Sie ist zum Götzen geworden. Nur ja nicht die Möglichkeit zugeben, es könnten Kräfte wirksam sein, die wir nicht roh mechanisch nachweisen und beherrschen können! 

Er definiert eine neue Form von Religion, er ist Begründer einer Religion der Freiheit, der Lebensfreude, des Übermuts, des Muts, der Kraft und der Liebe. So sieht sie aus: 

Wer mit Gott eins sein will, muss restlos allen Autoritätsglauben überwinden. Er muss frei sein. Der Religiöse ist der vollkommen Erzogene, der ausschliesslich nach eigenen, als nach den göttlichen Ge- setzen Handelnde, der in lächelnder Ruhe Schreitende. 

Zimmermann war zu seiner Zeit ein führender Autor. Im Jahr 1953 waren bereits 814’000 Exemplare seiner Bücher gedruckt worden. 

Es ist ein wenig verwunderlich, dass man kaum mehr von ihm spricht. Vielleicht ist er auch heute noch der Zeit voraus? Das soll es geben... 

In seinem Buch „Mahatma Gandhi“ beschreibt Werner Zimmermann seine persönliche Bekanntschaft mit dem Mahatma, der ihn sehr beeindruckt und beeinflusst hat. WZ hat ihn in Indien besucht, und er begleitet ihn auf seinen Reisen in Europa. 

Als bei den Anhängern Gandhis bekannt wird, dass sich Zimmermann für die Freikörperkultur einsetzt, wird es ein wenig ungemütlich. Auf einer Zugfahrt in der Schweiz spricht Zimmermann Gandhi darauf an – und die- ser reagiert überraschenderweise sehr positiv. 

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Bei einer späteren Versammlung dieser Gruppe wird Gandhi gefragt, warum sich die spirituellen Werte in Europa so wenig verbreiten. Er antwortet, dass es zu wenig führende Menschen gebe, die diesen Geist auch repräsentieren können. Wer denn so eine Führung übernehmen könne? Gandhi verweist auf Zimmermann, was unserem Helden grosse Genugtuung verschafft. 

Zimmermann erhielt auf seinen Reisen mehrere Ehren-Doktortitel, so dass wir ihn mit Stolz „Professor Dr. h.c. Werner Zimmermann“ nennen dürfen. 

Zimmermanns Begegnung mit dem Berner Sadhu 

Da ich eine Vorliebe für Indien habe, waren die indischen Erlebnisse von Werner Zimmermann für mich von besonderem Interesse. In seinem Buch „Zu freien Ufern“ schildert er seine Abenteuer in Indien in den Jahren 1949/50. Indien hat sich von Grossbritannien befreit; der Mahatma ist ermordet worden. WZ sieht eine Chance, dass seine Erkenntnisse der Freiwirtschaft dort aufgenommen werden, und hält zahlreiche Vorträge an Universitäten und auch vor Politikern. 

Ich will aber hier nur auf ein besonders amüsantes Erlebnis mit einem Berner Sadhu eingehen, den Zimmermann kennen lernte. 

Ein Sadhu ist ein Wanderheiliger – ein Mensch, der meist nur einen Stab, ein Tuch und einen Wasserkessel sein eigen nennt. Ein Mann, der ständig wandert, auf dem Pilgerweg ist, und ein heiliges, bescheidenes Leben führt. Es gibt heute noch Millionen Sadhus. 

Dieser sehr intelligente Mann aus Bern ist schon viele Jahre lang in Indien als Sadhu unterwegs. Die beiden führen interessante Gespräche. Der Mann ist fasziniert von der Freiwirtschaft und organisiert für Zimmermann einen Vortrag an einer Universität. 

Als Organisator setzt sich der Sadhu in die Nähe der Bühne. Als Zimmermann zu sprechen beginnt, bemerkt er, dass die Studenten die ganze Zeit ihn anstarren. Ein westlicher Sadhu scheint für sie ein wahres Welt-Wunder zu sein, und WZs Ausführungen werden kaum beachtet. Nur der Sadhu, der schweigend da sitzt, ist wichtig und wird bestaunt! Das geht so weit, dass Zimmermann nach 20 Minuten, leicht enttäuscht und irritiert, seinen Vortrag abbricht. Er muss einsehen, dass der „heilige Mann“ in Indien noch immer einen weit höheren Rang geniesst als der „gelehrte Mann“. 

Wenige Tage später sind die beiden bei einer vermögenden indischen Familie eingeladen. Auch hier erlebt Zimmermann eine ihm fast grotesk erscheinende Verehrung des Sadhu. 

Zimmermann bleibt sich stets treu, wie schon bei den Begegnungen mit Mahatma Gandhi deutlich wurde, und setzt sich an anderer Stelle sehr kritisch mit indischen Erscheinungen wie etwa den heiligen Kühen auseinander. Er ist offen für andere Arten der Spiritualität, behält aber seinen europäischen Blick. 

Über das Buch "Liebesklarheit"

 

Von der Sexualhygiene zur Dreierbeziehung, von der Onanie bis zur gleichgeschlechtlichen Liebe - in diesem Buch behandelt WZ alles, was mit der Liebe zu tun hat. Er schildert auch eigene Erlebnisse und seine Befangenheit als junger Mann.

Offener Geist an allen Stellen; kein erhobener Moral-Zeigefinger, im Gegenteil: Die Türen zur radikalen Freiheit werden erneut aufgestossen, mit entwaffnender Ehrlichkeit. 

Die wahre Liebe steht im Zentrum, die echte, die göttliche Liebe. Es ist ein Plädoyer gegen Formalismen, gegen die bürokratische, konventionelle Ehe. Ein Plädoyer dafür, jederzeit den eigenen Gefühlen zu trauen, ihnen zu folgen. Keine toten Beziehungen! 

Das kann auch beinhalten, dass man sich nach einer Zeit verlässt und eine neue Beziehung eingeht, die lebendiger und erfüllter ist.

WZ spricht sich nicht für die Dreierbeziehung aus, er spricht sich überhaupt nicht für etwas aus. Er sagt sehr eindringlich: Ich bin nicht dafür, ich bin nicht dagegen.

Er hält alles für denkbar, solange es ehrlich und lebendig ist, er verurteilt nichts. Er gibt sich aber als einer zu erkennen, dem es leichter fällt, nur eine Frau zu lieben.

Wahrscheinlich ist das Buch inspiriert von der Beziehung zu Vreni, mit der er zu jener Zeit am Brienzer See zusammenlebt, und die auch vereinzelt erwähnt wird. 

 

WZ erzählt an verschiedenen Stellen, dass er es selbst in seiner Kindheit und Jugend schwer hatte mit der Sexualität. Seine Mutter vermochte ihn nicht richtig aufzuklären, und so vernahm er Realitäten auf der „Gasse“, in einer Form, die ihm nicht gut tat. Als junger Mann erlaubte er sich keine entsprechenden Gefühle oder gar Handlungen:

 

"Ich war auch manch langes Jahr, da ich meine Sexualkraft abzuwürgen versuchte, Grübler und Pessimist und Zyniker…"            S. 23

 

"So flüchtete auch ich mich lange Zeit vor der Frau."       S. 64

 

WZ ist ein echter Anti-Spiesser, und die Über-Anpassung seiner Zeitgenossen gefällt ihm gar nicht. So äussert er sich über die Ehe:

 

"Und oft kennzeichnet heute das kurze Wörtchen e-h-e ein Verhältnis, da zwei flache Laute, weder hoch noch tief, durch einen Seufzer miteinander verbunden sind."                                S. 98

Die beiden folgenden Texte sind relativ ungefiltert, z.T. stichpunktartig zusammengefasst.

Buch Tropenheimat

 

Zusammenfassung

 

Von Panama nach Mexiko

 

Rudolf Zitzmann Verlag, Lauf bei Nürnberg 1930

 

 

In diesem Buch schildert WZ seine Ankunft in Panama und seine Wanderungen und Reisen durch Mittelamerika bis nach Mexiko.

 

Er wandert z.B. durch Costa Rica bis nach San José über die Sierra de la Morte, ca 14 Tage lang, durch Urwaldgebiete, mit ca. 24 kg Rucksack. Er trifft deutsche und Schweizer Siedler. Er schlägt sich mit einigen Brocken Spanisch durch, er schläft oft im Freien, auch im Urwald, und besteigt mehrere Vulkane.

Er empört sich über die europäischen Eroberer, bewundert sie aber auch. Er schätzt die echten Indios und erregt sich über die Niedertracht von Menschen.

 

Grösste Begeisterung rufen bei ihm Guatemala und Mexiko hervor. Die Mayas machen ihm grossen Eindruck, und zwar sowohl die historischen Mayas als auch die zeitgenössischen. Beim Anblick von Maya-Kunst erkennt er, dass er selbst der Schönheit zu wenig Raum gelassen hat.

 

„Viele Jahre hatte ich mein Schaffen vorwiegend der Leitung des nüchternen Verstandes unterstellt. Erst das Nützliche! - Für das Schöne waren die Zeiten viel zu ernst….

Und das rächte sich….Aus diesen Ketten musste ich mich herausreissen. Die „andere Seite“ musste Licht und Sonne bekommen…..“

 

Mehr davon auf S 174 ff.

 

Ein anderes Schlüssel-Erlebnis findet man auf S. 212, wo er erstmals in einer christlichen Kirche sich dem Ritus hingeben kann.

 

Er begegnet einigen sehr beeindruckenden Persönlichkeiten, die in der Fremde zu sich gefunden haben.

 

WZ hat das Buch einige Monate später geschrieben, als er in den USA die Zeit dafür fand. Er setzte dann seine Reise fort in Richtung Kanada, Japan, China usw. (s. das Buch "Weltheimat")

 

Tropenheimat ist noch während der Reise, 1930, herausgekommen, währen „Weltheimat“ erst 1937 erschienen ist. Das letztere scheint mir griffiger, besser recherchiert. Tropenheimat scheint mir sehr spontan aus dem Prozess heraus geschrieben.

Ab und zu kommt seine persönliche Geschichte vor: Die Trennung von seiner Partnerin (Vreni). Die Reise ist auch eine Flucht aus dieser persönlichen Geschichte, und vielleicht auch eine Flucht aus seinen politischen Aktivitäten in der Schweiz. Das wird nicht ganz deutlich. Diese Aktivitäten werden nirgends erwähnt.

In Mexiko gibt es dann das interessante Gespräch, das ich an anderer Stelle schon dokumentiert habe - über seine Lebensfreude und Lebenslust.

Buch "Weltheimat - Erlebnisse in Kanada und Asien"

 

Rudolf Zitzmann Verlag, Lauf b. Nürnberg, 1937

 

Zusammenfassung

Zweiter Teil der zweijährigen Weltreise 1929 - 1931

 

Kanada, Hawaii, Nippon, China, Philippinen, Java und Bali, Indien, (Ägypten und Palästina).

 

In Kanada steht die Schilderung der Hutterer und der Duchoborzen im Mittelpunkt. WZ äussert sich kritisch über die Hutterer, die er als überangepasst, übertraditionell empfindet. Er ist aber begeistert von den Duchoborzen, ihrer Wirtschaftsordnung der Grosszügigkeit, ihrer Freiheit in der Liebe (?).

Duchoborzen zahlen keine Steuern, verweigern den Kriegsdienst. Sie waren vorher in Russland, wurden dort vertrieben. Ankunft in Kanada 1899, mittellos. Kanada bot ihnen Boden, stellte aber bald die Bedingung, dass sie Bürger würden und damit Kriegsdienst leisteten.

Führer: Peter Verigin und später sein Sohn.

Wirtschaft: Jeder zahlt 40 Taler im Jahr an die Gemeinschaft.

Mutter und Kind werden versorgt. Keine Zinsen, keine internen Geldgeschäfte.

 

Gespräch mit dem „Alten“ über Religion.

 

Inniges Liebesglück. Keine Heirat. Abgebauter Staat. Vegetarier. Kinder wachsen gemeinsam auf.

 

Besuch beim Einsiedler Hermann Gesell, dem Brucher Silvio Gesells.

In Hawaii Begegnung mit Samoanern.

 

Auf dem Schiff nach Japan wird WZ zu einem Vortrag gebeten, den er leidenschaftlich hält. Dies führt zu einer Einladung für Vorträge in Japan.

 

Nippon

 

Am wichtigsten ist die Begegnung mit Obara und der Tamagawa-Schule. Er arbeitet dort als Lehrer für 40 Tage. Obaras Philosophie wird ausführlich geschildert. Eindrücklicher „Geist Pestalozzi‘s“.

 

Obara als „wahrer, gleichwertiger Bruder“. 

 

Begegnung mit der schönen Tokuko, Wanderung, kleine Liebesgeschichte. Wichtiger Punkt in der Biographie von WZ, als er keine Beziehung eingehen will. Ergreifende Liebesbriefe von T.

WZ sucht eine gleichberechtigte Frau, die er nicht findet.

Begegnung mit dem Shinto-Priester; Weihe des Shinto-Priesters für die beiden.

 

Er hält ihr Vorträge über Mann-Frau.

 

„Es brauchte eine innerlich sehr selbständige Frau, einem Manne, den das Schicksal zum Kämpfer bestimmt hat, Gattin und seinen Kindern Mutter zu sein.“        S. 151

 

„Daher versuchte ich vor allem, zu erkennen, welche Konstruktionsfehler unsere Wirtschaftsordnung aufweist.“...S. 160


Danach  folgt eine Kurzbeschreibung seiner Wirtschaftstheorie.

 

China liegt ihm nicht so nah wie Japan. Trotzdem gibt es einige sehr schöne Stellen über das Tao, die chinesische Philosophie und Kunst.

 

„Aber hinter dieser Zweiheit (des Yin und Yang) ist noch eine tiefere Einheit, diese ist der Sinn der Natur und das Wesen allen Lebens, sie ahnend erleben wäre das höchste Ziel allen Denkens und alles Schauens der Weisen. Der Chinese hat sie mit dem uralten Geheimniswort des T a o bezeichnet. T a o, der Sinn und der Weg, ist lange schon vor Lao-tse und Kung-tse das tiefste Wort, in dem alles Ahnen und alles Erkennen verborgen liegen. Tao ist auch das tiefste Geheimnis der Kunst. Die vollkommene Kunst ist wie die Natur: so muss sie auch im Tao verankert sein…

Das Eindringen in die Leere ist das Einswerden mit dem Tao…

 

  1. S.180

 

Philippinen

 

Dr. José Rizal wird als Held gefeiert, gegen die Kolonisation. Rizal ist Malaie. Wird Dichter. Geheimbund. Wird verhaftet und umgebracht.

Grosse Leidenschaft WZs gegen die Kolonialherren, für die indigenen Völker. Er fühlt sich wohl mit den Einheimischen, verurteilt die Europäer.

 

Bei einem philippinischen Gastgeber:

 

„Da haben wir sie wieder, die Verwirrung und Zwiespältigkeit des Christentums. Du weisst, dass ich kein Christ bin, dass ich keine dogmatischen Lehren als solche anerkenne. Ich finde aber tiefe Weisheit besonders auch in den Auffassungen, die Christus zugeschrieben werden…

Dein wahres Selbst - du kannst auch sagen, Gott - kann nur durch dich selbst, in deiner stillen Stunde zu dir sprechen.“

208

 

Zum Geigenspielen:

 

„Da fällt mir ein, wie ich das im Kleinen an mir erlebt habe. Ich spiele etwas Geige, habe aber viele Jahre nie eine in den Händen gehabt. Als ich dann wieder einmal zu einer griff, da sagten solche, die mich früher gehört hatte: Du spielst ganz anders, viel besser als früher! - Die Ursache? Ich bin unterdessen gewachsen, meine Seele ist gelockert, gelöst - und so ist es ohne Weiteres mit jedem Ausdruck der Seele: Musik, Schreiben, Kunst jeder Art.

Siehst du, es ist ganz gleichgültig, was du tust - wenn du es aus ganzem Herzen tust…

210

 

Java

 

Boro-Bodur als das grösste Kunstwerk der Weltgeschichte. (Buddhistisch)

 

Bali

 

Ergreifende Schilderung der Begegnung mit einer Menschengruppe, der er sich anschloss in Richtung Ubud.  Er spricht schwyzerdütsch mit ihnen…Barfuss-Philosophie:

 

„Schon gehöre ich zu ihnen. Barfuss gehe ich ohnehin schon den ganzen Weg. Das tue ich meist überall da, wo die Menschen es auch tun. Heisse Steine, kühle Erde, glucksende Bächlein: in wonnigem Wechsel erlebt der Fuss, der Leib, der Mensch die innige Verbundenheit mit Mutter Erde, bei jedem Schritt.“

 

Teilnahme an einem Tempelfest. Er wird in ein Haus zum Wohnen eingeladen.

 

„Welch innige Zartheit und Güte! Wie viel Herz und Seele für einen wildfremden Menschen, den sie sich von der Landstrasse, vom Dorfplatz holten! Für einen Andersrassigen! Für einen Weissen!

S.226

 

Schilderung eines Trance-Schwerttanzes und eines Schattenspiels.

 

„Auf Bali schreiten die Frauen freien Leibes daher, königlich aufrecht die Last auf stolzem Haupte tragend.“

S. 227

 

Begeisterung über das balinesische Lächeln, die Freundlichkeit

 

Ein Abschnitt über balinesische und Südsee-Erziehung; Zitate aus Margaret Mead.

 

Indien

 

Er besucht die Ashrams von Rabindranath Tagore (Santiniketan) und Mahatma Gandhi (Samarti).

 

Er findet edles Künstlertum bei Tagore, aber für ihn zu wenig gesellschaftliches Engagement.

 

Er bewundert die völlige Hingabe bei Gandhi: Um 4 aufstehen, jeden Tag eine Stunde spinnen fürs Vaterland.

Gandhi geht auch im europäischen Winter in Sandalen und mit nackten Wadeln. Er will das so lange tun, bis es in Indien und auf der Welt keine Armut mehr gibt. Das macht dem Asketen-Herzen von WZ Eindruck.

Schilderung des Salzmarsches, der Zugfahrt in der Schweiz mit Gandhi, usw.

 

Auseinandersetzung mit Santinitekan und Sabarmati:

 

„Und doch: Ist nicht vielleicht, zur Entspannung, als schöpferische Pause auch Schönheit, Freude an sich, die keinem bestimmten ,Zweck‘, wie Ernährung, Bekleidung, Fortpflanzung, Verinnerlichung dienen will, vor Gott ,gerechtfertigt‘? Ein kindliches Hüpfen und Lachen? Eine tänzerische Leichtigkeit?“

242

 

- Gandhi‘s Lachen und Humor und sein vernichtendes Urteil über die Christen.

 

- Besitzlosigkeit als Prinzip.

 

- Verhaftung Gandhis und seiner Getreuen bei der Rückkehr nach Indien.

 

- Frühere Blüte Indiens im 18. Jahrhundert; Schäden der Kolonialisierung durch GB.

 

Benares

 

Solidarisierung mit den Gandhi-Freunden; Geschenk der Mütze, peinliches Geld-Geben an den Jungen.

 

Bad im Ganges, Trinken des Wassers, Weihe durch einen Sadhu: 

 

"Der Hindu tritt zu mir, taucht einen Finger in den roten Brei und will mir einen Punkt auf die Stirn drücken….

Doch nun macht mir der Mann eifrig klar, es handle sich nicht um ein Kastenabzeichen, ich habe doch diesen Morgen im Ganges gebadet, mich gereinigt und gesammelt, und dies nur möchten diese Zeichen bekräftigen.

Da lasse ich es geschehen…

Mein Dünkel des wissenschaftlich gebildeten Europäers und mein kindischer Trotz gegen jede Kulthandlung fallen in sich zusammen... Dem Unnennbaren, dem Unbeweisbaren, dem flutenden Ewigen vermag ich mich wieder hinzugeben. Sie Seele der Welt, sie strömt mir wieder."

281

 

Heimkehr

 

Der Schmerz um einen Menschen hat einst geholfen, mich wegzuführen…

So stehe ich in kalter Winternacht vor meinem Heim. Der Schnee ist trocken von prickelnder Kälte. Leise gehe ich hinab ins Bootshaus. Weniges Heu liegt hier. Froh wühle ich mich hinein. Müde und glücklich schliesse ich die Augen, und die Seele meiner Heimat hält mich warm.

 

285, Schluss